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Welterbe rocken

Welterbe Rocken

Welterbe_rocken

Zufälligerweise lassen sich einige der Orte, mit denen die Schweiz zum Welterbe beiträgt auch vom Bike aus besichtigen, wie Ross Schnell, René Wildhaber und Katja Rupf auf ihrem Kulturtrip herausfanden.

«René sagte mir nur, dass wir in der Nähe von Unesco-Welterbe-Stätten der Schweiz fahren werden.» Mehr brauchte es offenbar nicht, damit Ross Schnell seine Sachen zu packte und aus Colorado in die Schweiz flog. Das liegt zuerst einmal an der Neugierde und Experimentierfreude des Mannes aus Grand Junction. Letztere zeigt sich auch in seiner Gesichtsbehaarung, einem Wyatt Earp-mässigen Schnurrbart, den die Amerikaner passenderweise Handlebar nennen, also Lenkstange. Dass Ross umgehend anreiste, lag ebenso sehr am Gastgeber. René Wildhaber hat seinen amerikanischen Berufs- und Markenkollegen schon einmal als Reiseführer überzeugt. Nebenbei pflegen die beiden auch eine ähnliche Fahrkultur: Aufwärts sind sie ebenso zügig unterwegs wie abwärts und die Entdeckungsreise bedeutet ihnen mindestens so viel wie der perfekte geschaufelte Downhill Track.

Ein Kultur-Trip mit Bike soll's sein, ganz nach dem Geschmack der zwei vielseitig interessierten Biker. Dennoch überrascht der Plan, ausgerechnet Unesco-Welterbe-Stätten in der Schweiz anzusteuern. Denn was will man in der Schachbrett-Stadt La-Chaux-de-Fonds oder den Kastellen von Bellinzona mit einem Fahrrad anstellen? Wie sich zeigen wird, sind die Plätze durchaus multifunktional. Und wenigstens die St. Galler Stiftsbibliothek lassen Ross und René in Ruhe.

Auf der Welterbe-Liste der Unesco stehen Orte und Bauwerke, die gemäss Eigendefinition von überragendem und universellem Wert für das kulturelle und natürliche Erbe der Welt sind. 936 Orte sind es zurzeit. Über 700 sind von Menschenhand geschaffen, von der chinesischen Mauer bis zum Taj Mahal und gehören deshalb zum Kulturerbe. Der Rest ist entweder natürlich entstanden, etwa das Great Barrier Reef oder die Viktoriafälle oder durch menschliche Nachhilfe. Das nennt sich dann Kulturlandschaft. Die Schweiz ist mit elf Plätzen vertreten, fünf davon wollen René und Ross besuchen und befahren.


«Einige der Plätze kenne ich selber noch nicht oder nur aus der Ferne», bekennt René. Das ist im Falle La Chaux-de-Fonds nicht weiter verwunderlich. Die meisten Deutschschweizer kennen die Uhrmacherstadt nur als orthografischen Stolperstein aus dem Geografieunterricht. Auf die exklusive Liste geschafft hat sie es dank ihrem Grundriss. Nachdem die Stadt 1794 fast vollständig abgebrannt war, entschieden sich die Stadtherren für ein streng rechtwinkliges Strassennetz. Etwas früher schon, hatte sich die Stadt voll auf die Uhrenfabrikation ausgerichtet. Dank den grösseren Abständen zwischen den Häuserzeilen hatte jeder Uhrmacher genug Tageslicht in seinem Atelier. Licht war damals noch eine knappe Ressource. Ausserdem, so heisst es, sei die Schneeräumung effizienter vonstatten gegangen. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil, liegt die Stadt doch auf 1000 Metern über Meer.

Eine weitere Besonderheit der Stadt ist, dass sie jenen Mann hervorgebracht hat, der René Wildhaber und Ross Schnell auf ihrer Schweizerreise mit diversen Kameras begleitet. Christophe Margot konnte allerdings auch nichts daran ändern, dass La Chaux-de-Fonds für einen etwas gespenstigen Einstieg in den Trip sorgte. Nasskalt war's und die Stadt menschenleer. Ein Feiertag fegte die Strassenschluchten leer. Gut für Ross und René, die sich mit Schmackes Treppen hinunter stürzten und per Manual die rechten Winkel der Stadt nachmassen. «A strange vibe», meinte Ross. «Die arbeiten halt in den Häusern», versuchte René zu erklären, bevor klar wurde, dass die Chaux-de-Fonniers an diesem Tag alles andere taten. Am Abend kam die Sonne doch noch zum Vorschein und am nächsten Tag auch die Stadtbewohner. Ein Besuch in einem Uhrmacheratelier am nächsten Morgen rundete die erste Etappe ab.

Wer sich unter einer Kulturlandschaft nichts vorstellen kann, soll sich das Weinbaugebiet Lavaux am Genfersee anschauen. Hunderte Kilometer Steinterrassen durchziehen die Hänge. Vor Jahrhunderten legten Bauern sie an, um darauf Reben reifen zu lassen und Wein zu produzieren. Bis heute gehört Lavaux zu den grössten Weingebieten der Welt. Ross und René geniessen Sonne, Aussicht auf Genfersee und französische Alpen und einige frisch gekelterte Tropfen. Dazwischen zischen sie durch die Rebstäcke. «Die richtig guten Trails sind oberhalb der Weinberge», weiss René. Die verwinkelten Wege durch die Terrassen bieten durchaus Freeride-Spass. Mit mehr Zeit und guten Beziehungen zu den Weinbauern wären sogar ein paar richtig schöne Wein-Trails finden. Doch da geht die Sonne bereits wieder unter. Christophe lädt zu einer kurzen Nacht in seinem Walliser Haus. Für seine reiche Bilder- und Büchersammlung fehlen den Besuchern Wachheit und Zeit, denn schon wenige Stunden später müssen sie weiter.

Hochalpin bis mediterran
Am nächsten Tag steht zum ersten Mal ein Weltnaturerbe-Ort auf dem Programm und ausserdem ein Bike-Gebiet aus der obersten Liga. «Schweizer Alpen Jungfrau-Aletsch» heisst das Gebiet auf der Unesco-Liste. Gemeint sind Eiger, Mönch, Jungfrau und die anderen Gipfel, die auf den Aletschgletscher und weitere Eismassive hinunter blicken. Der Aletschgletscher ist der voluminöseste Eisstrom Europas – obwohl in den letzten 100 Jahren rund ein Drittel seiner Masse geschmolzen ist. René verdeutlicht: «Da hinten ist die Konkordiahütte. Die lag einmal direkt am Gletscher. Jetzt muss man über 100 Meter Leiter hinunter steigen, um auf den Gletscher zu gelangen.»

Doch auch so ist Ross schwer beeindruckt. «Dieser Ort haut mich um. Sieht aus wie ein Filmset», sagt der Mann, in dessen Heimrevier die Felstürme aus der Steppe ragen, die wir aus Westernfilmen kennen. Der Gletscherschwund bringt es mit sich, dass von der Eismasse rund geschliffene Felsen jetzt frei liegen. Dort vergnügen sich Ross, René und seine inzwischen dazu gestossene Freundin Katja Rupf. «Ganz schön anspruchsvoll, besonders dort, wo Schmelzwasser über die Steine läuft», findet sie, die zu den Trek Gravity Girls gehört. Wieder und wieder schieben die drei ihre Räder hoch und rollen an den offenen Gletscherspalten vorbei in die Tiefe. Fahrspass bis die Arme wehtun bieten danach die unzähligen Trails, die vom Eggishorn ins Tal hinunter führen. Nachdem die Welterbe-Bilder im Kasten sind, gibt sich das Trio auf den 2000 Höhenmetern nach Fiesch den Rest.

Nach einer Nacht auf der Fiescheralp, zieht die Kulturreisegruppe weiter zum südlichsten Weltkulturerbe-Platz der Schweiz: nach Bellinzona. Hier stehen einerseits Palmen und anderseits drei früher miteinander verbundene Burgen. Ross spürt mediterrane Vibes und René freut sich, einen weiteren weissen Fleck auf seinem persönlichen Globus tilgen zu können: «Die Burgen von Bellinzona kannte ich bisher nur von der Autobahn aus oder wenn ich auf einem der Trails hier in der Gegend unterwegs war.»

Die Geschichte der bellenzer Befestigungsanlage zeigt vor allem eines: wer sich an strategisch günstiger Lage niederlässt, hat wohl einige Vorteile, aber vor allem ständig Stress. Von Bellinzona aus liessen sich die Routen über Gotthard, San Bernardino und weitere Alpenpässe kontrollieren und Wegzoll einstreichen. Unzählige Male wurde die Stadt angegriffen, belagert und eingenommen. Kaum hatten Herrscher aus den Süden die Stadt erobert, rannte die nächste Streitmacht aus dem Norden an und umgekehrt. Die Herzöge von Mailand riegelten im 15. Jahrhundert das ganze Tal mit einer Mauer ab. Für einige politische Kräfte noch heute eine Inspiration für den Umgang mit dem Rest der Welt.

Castello Sasso Corbaro heisst die höchstgelegene der drei Burgen. Wie die anderen beiden ist sie auf einen Fels gebaut. Im Restaurant lässt eine gehobene Gesellschaft die Prosecco-Gläser klingen, draussen entdecken Katja, Ross und René einen überaus spassigen Spielplatz. «Ich hätte nicht gedacht, dass ich hier Slick Rocks fahren würde», staunt Ross. Mitternacht ist längst vorbei, als sich die drei über uralte Treppen auf den Weg in die Stadt hinunter machen. Erst die schwächelnden Akkus machen dem Fahrspass ein Ende. Die beiden anderen Kastelle erkunden die drei Biker am folgenden Morgen zu Fuss. Dann machen sie sich auf nach Norden, über den San Bernardino. Ohne Wegzoll zu bezahlen.

Tektonik rockt
Kaum zwei Stunden später blicken die Kulturbiker das nächste Welterbstück an: die Tektonikarena Sardona oberhalb von Flims. «Seid ihr sicher?», will ein Bahnangestellter noch wissen, bevor sie ihre Bikes in die Gondel schieben. Normalerweise werden keine Räder auf den Cassonsgrat befördert und nach normalem Verständnis wartet dort oben auch kein Vergnügen auf Mountainbiker. Die Wege sind steil, verblockt, mal ausgesetzt, mal eng – kurz, ein Heidenspass für Menschen mit sicherer Hand am Lenker. Auf dem Weg nach oben blicken Steinböcke, die in Italien geklauten Wappentiere des Kantons Graubünden, aus der Felswand des Flimsersteins.

Oben angekommen besieht man sich aber Renés Spezialgebiet: Glarner Hauptüberschiebung nennt sich die seltsame Felsformation. Als vor ein paar Millionen Jahren die Kontinentalplatten bei ihrer Kollision in Mega-Slow-Motion die Alpen in die Höhe drückten, schob sich hier eine jüngere Platte unter eine ältere. Eine mehrere Kilometer lange Linie zeigt die Grenze an. René fand hier schon als Kind seine ersten versteinerten Krebse und Meerschnecken. Seinen Heimathof kann er fast schon riechen: «Luftlinie sind es etwa 20 Kilometer, allerdings liegen drei Täler dazwischen.»

Optisches Highlight an diesem Tag ist die aufgerissene Schneedecke, die den Bergflanken ein hübsches Zebramuster verpasst. Der Anfang des Trails führt denn auch immer wieder durch Schneefelder. Das Rezept heisst: Mit Schmackes drauf zu halten und versuchen, im tiefen Sulz so weit als möglich als möglich zu kommen, bis man feststeckt. «Folge nie diesem Mann!», textet Ross in Gedanken seinen nächsten Tweet. Die Szenerie und die nahende Abfahrt entschädigt für die nassen Füsse. Im Sonnenuntergang rocken die drei die Tektonik und schlängeln sich um 700 Ecken ins Tal. 1000 Meter tiefer hat sie die Zivilisation wieder, in Form des aufwendig ausgebauten Runca Trails hinunter nach Flims.

Bündner Spezialitäten vor sich auf dem Teller lassen die Kulturreisenden ihre Tour de Suisse ausklingen. Die Stationen ziehen an ihnen vorbei: die rechten Winkel La Chaux-de-Fonds, die geschwungenen Linie des Lavaux, der schmelzende Gigant Aletschgletscher, die Burgen Bellinzonas, von denen aus man das Mittelmeer zu riechen glaubt und die Tektonikarena, wo es das Meer tatsächlich bis in die Alpen geschafft hat. «Erstaunlich, was die kleine Schweiz alles zu bieten hat», schliesst René und meint damit auch die unmittelbare Nachbarschaft erstklassiger Trails und Welterbe-Stätten. Mit etwas Phantasie und Ortskenntnis kann die Unesco-Liste auch als Bike-Guide gelesen werden.

 

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